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Waldbrände: Lasst doch das arme Wetter in Ruhe! (Rant)

Guido Richterteamstormchaser wrote 18 hours ago (edited 18 hours ago):

Eine Sache kann ich gut: Rants schreiben. Oder Kolumnen, die nettere Version von Rants. Und darüber nachdenken, ob ich Deutschland irgendwann verlasse, es aber nie tun. In einer Portugal-Gruppe fand ich nun ein Hinweisposting zu "trockenen Gewittern" und Brandgefahr. Ganz in deutscher Manier konnte ich es mir nicht nehmen lassen, Deutschen und Portugiesen zu erklären, wie das mit den Waldbränden wirklich ist. Sozusagen Feuer mit Feuer bekämpfen. Ich möchte das zum Anlass nehmen, den Großteil dazu auch hier einzustellen. Sei dies der letzte Beitrag über Waldbrände, den du in deinem Leben lesen musst.

Überall da, wo das Verständnis dafür fehlt, dass die meisten Brände absichtlich oder fahrlässig gelegt werden und nicht einfach ausbrechen oder magisch entstehen, braucht es einen Sündenbock. Ein sehr, sehr deutsches Phänomen.

Die aktuelle Hitzewelle in Teilen Europas ist außergewöhnlich, das wiederholte Blocking des Atlantik besorgniserregend und vermutlich ein direktes Zeichen veränderter Großwetterlagen und globaler Muster durch die Klimaerwärmung. Trockenheit ist immer ein Problem, wenn Menschen oder - in geringerem Maße Mutter Natur - mit Feuer herumfuchtelt.

Hinweise auf durch Unwetter ausgelöste Brände sind nicht grundsätzlich falsch. Solche Berichte verweisen auf ein aktuelles Problem und die Möglichkeit zusätzlicher Brände durch einen Blitz hier und da, daran ist nichts falsch. Aber es wird der Eindruck erweckt, als seien Gewitter jetzt eine besondere Gefahr ggü. der sonst viel größeren, permament bestehenden Gefahr durch Menschen. Er lenkt vom eigentlichen Problem ab, was verstanden werden muss.

Die Gewitter in Portugal sind nicht mehr oder weniger trocken als andere Gewitter, so etwas gibt es quasi nicht. Irgendwo regnet es immer, mal mehr, mal weniger, so funktionieren Gewitter und nur weil Luft aufsteigt, die irgendwo abgekühlt in Tropfenform oder als Hagelkörner wieder runterkommt, gibt es überhaupt Blitze. Blitze lösen überall Brände aus, wo sie auf trockenes Material stoßen. Selbst in Gewittern mit massiven Überschwemmungen schlagen Blitze kilometerweit neben der Zelle ein, dort, wo noch kein Tropfen Regen gefallen ist. In Extremfällen kann die Entfernung zur Gewitterzelle dutzende Kilometer betragen, ein "strike out of the blue" findet statt.

Die eigentliche Gefahr sind aber bereits bestehende oder neu von Menschen entfachte Brände, die es zuvor schon gar nicht geben dürfte. In gewittriger Umgebung mit mehr Wind geraten diese schneller außer Kontrolle und können sich rasend schnell ausbreiten, aber man hat dann einen Schuldigen (das arme Wetter), auf das man es schieben kann.

Es sei auch erwähnt, dass die Größe "Temperatur" in einer Diskussion über Feuer / Vegetationsbrände generell nichts verloren hat. Auch ein sehr deutscher Irrtum, offenbar weltweit vorkommend. Der Temperaturunterschied zwischen einem kalten Sommertag und einem Hitzetag ist so gering im Vergleich zu dem, was ein Stück Holz an Entzündungstemperatur braucht, dass es gut wäre, wenn man die arme Temperatur ähnlich wie die armen Gewitter endlich herauslassen würde bei diesen Beschuldigungsposts.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Es gab schon verheerende Waldbrände ausgelöst durch Blitze. In Flächenländern mit viel trockenem Wald und einigen Gewittern wie Kanada sind Analysen bekannt, es brennt dort tatsächlich immer mal wieder nach Blitzen. Es bleibt aber dabei: Das lenkt vom eigentlich größten Problem ab. Es verleitet Menschen, Schwurbelgründe zu erfinden, um diese Wahrheit ignorieren zu können. Und Portugal ist nicht Kanada, die meiste Zeit ist es dort furztrocken ohne ständiges Geblitze.

Ein weiterer Mythos ist, dass Glas massenhaft Brände auslöst. Je nach Schwurbelniveau sind es mal Glasflaschen, mal Glasscherben und die ganz hartnäckigen finden Argumente für jährlich tausende Glasscherben, die zufällig eine perfekte Linse angeben und zufällig in der richtigen Höhe im Gras liegen und zur richtigen Zeit aus dem richtigen Winkel von der Sonne beschienen werden. Man sieht schon an meinem Sarkasmus: Das ist Blödsinn. Die Wissenschaft hat auch das untersucht. Und haltet euch fest: Sogar mit echten Glasscherben aus Deutschland. Es konnte kein Anhaltspunkt dafür gefunden werden, dass Glasscherben im Großversuch einen Brand auslösen können. Beim Glas ist es wie mit den Gewittern in Portugal: Es ist der Sündenbock für Idioten, die einen Zigarettenstummel wegwerfen oder einen heißen Einweggrill ins Gras stellen. Für die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwo auf der Welt jemand Glasprodukte mit perfekter Linsenform herstellt oder irgendwo zufällig ein dickes Glasstück perfekt liegt oder ein Kind unvorsichtig mit einer Linse im Sonnenlicht spielt, kann ich mich damit anfreunden, dass Glas irgendwo eine paar Brände auslöst. In der Diskussion, was die meisten Brände auslöst, hat Glas nichts verloren. Das sollten alle Menschen so langsam kapieren, besonders die Deutschen, wo Aberglaube an Glas und anderen Irrsinn wie Eisheilige oder "ausweichende Gewitter" zum Volkssport geworden ist.

Nun eine kleine Liste mit Dingen, die Brände auslösen:
  • Weggeworfene Zigarettenstummel
  • Grills oder Reste von Grillkohle
  • Überhitzte oder defekte Fahrzeugteile in hohem Gras (ein Auto ist auch nur ein fahrendes Feuer)
  • Unkrautvernichtung mit Feuer
  • Lagerfeuer & Funkenflug
  • Handwerk, Industrie, Agrar (Trennschleifer, Schweißarbeiten, Züge, Landwirtschaft, Elektrik)

Wenn man die Natur beschuldigen will, dann:
  • Blitze (häufiger, aber signifikant seltener als menschengemachte Ursachen)
  • Vulkanausbrüche (extrem selten bzw. nur regional)
  • Selbstentzündung durch chemische Prozesse (extrem selten)

Was vernachlässigt werden kann oder schlichtweg Schwachsinn ist:
  • "Es ist heiß"
  • Glasscherben

Meteorologische Grüße.

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